State of the Art | Hypersensibilität

Allergie beim Pferd: Welche Therapieoptionen gibt es derzeit?

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Juckreiz und Urtikaria – die Haut ist bei Pferden oft von Allergien betroffen. Expertin Prof. M. Sloet van Oldruitenborgh-Oosterbaan gibt eine Übersicht über aktuelle Therapieoptionen.

Bei allergischen Pferden ist der Fettfilm zwischen den Keratinozyten in seiner Struktur/Zusammensetzung gestört, was zu einer größeren Durchlässigkeit und Empfindlichkeit der Haut führt. Infektionserreger, die physiologisch auf der Haut vorkommen, können sich stark vermehren, in die Haut eindringen und ebenfalls zu Infektionen und Juckreiz führen.

Folgende Behandlungsoptionen stehen Ihnen derzeit zur Verfügung:

Kontakt vermeiden

Bei einer Futterallergie ist es relativ einfach, das Allergen (z. B. Hafer) wegzulassen, bei Insektenallergenen, (z. B. Culicoides-Dermatitis, Sommerekzem) ist dies schwieriger. Hier helfen Ekzem-Decken, die zusätzlich mit dem Insektizid Permethrin imprägniert sind, betroffene Stellen zu schützen und weiteren Kontakt mit dem Allergen zu vermeiden. Auch beim Reiten kann man die Tiere einsprühen. In den Niederlanden ist Veerust Super® (Pyrethrine und Piperonylbutoxide) für Pferde zugelassen.
Mücken der Gattung Culicoides sind dämmerungsaktiv und vermehren sich in feucht-organischem Material. Pferde sollten morgens und abends aufgestallt und Mist regelmäßig von den Weiden entfernt werden.

Sekundärinfektionen hemmen

Zunächst wird immer die Sekundärinfektion behandelt – je nach Schweregrad mit Antibiotika oder antibakteriellen Shampoos mit Povidonjod (z. B. Betadine®) oder Chlorhexidin (z. B. Hibiscrub®). Bei tiefen Hautentzündungen ist eine orale oder parenterale antibakterielle Therapie notwendig (Antibiogramm anfertigen!). Ein Trimethoprim-Sulfonamid-Präparat ist oft eine gute Wahl (30 mg/kg 2 x tägl. p. o. oder i. v.).

Optimale Fütterung

Futter muss ausreichend Eiweiß und essenzielle Fettsäuren enthalten, auch Mineralstoffe wie Biotin, Zink, Selen, Kupfer etc. müssen u. U. zugefüttert werden, da Weiden heutzutage die Vielfalt an Kräutern fehlt.
Essenzielle Fettsäuren haben zwei Wirkmechanismen: Einerseits sind sie Bestandteil des Fettfilms der äußersten Hautschicht, andererseits werden sie in die Zellmembranen der Haut eingebaut und wirken dort möglicherweise entzündungshemmend. Auch die Gabe von Leinsamen bietet sich an.

Entzündungshemmende und antiallergische Therapie

Glukokortikosteroide hemmen Anzahl und Funktion immunmediierter Zellen (rein symptomatische Behandlung). Sofern die Diagnose „Allergie“ falsch ist, können Glukokortikosteroide allerdings eine Infektion z. B. mit Bakterien oder Pilzen verschlimmern. Bei Hufrehe sind Glukokortikosteroide kontrainduziert!
Die beste Wahl ist Prednisolon oral (z. B. Equisolon®) in einer Dosierung von 0,5–1,0 mg/kg (Einige Autoren wie Danny Scott empfehlen Prednisolon 4–6 mg/kg 1 x tgl.). Wenn eine stärkere Glukokortikosteroidwirkung notwendig ist, hilft kurz wirkendes Dexamethason (0,02–0,04 mg/kg i. v. oder i. m.). Glukokortikosteroide sollen immer vor 9 Uhr verabreicht werden, damit sie den normalen Tag-Nacht-Rhythmus nicht stören.

Allergenspezifische Immuntherapie (ASIT oder AIT)

Desensibilisierung ist eine Möglichkeit, die mit stark wechselndem Erfolg eingesetzt wird.

Glukokortikosteroid-sparende Medikamente

Da Glukokortikosteroide unerwünschte Nebenwirkungen haben, werden in der Literatur folgende Alternativen genannt:

Goldsalz, z. B. Natriumaurothiomalat – anfangs 1 mg/kg 1 x wöchtl. i. m. und später alle 1–2 Monate (hohe Kosten: Tauredon® ± € 30,-/50 mg).
Antihistaminika, z. B. Cetirizin (0,2–0,4 mg/kg 2 x tgl. p. o.) oder Hydroxyn (1–2 mg/kg 2–3 x tgl. p. o.) – Nebenwirkungen sind Lethargie, Sedierung, Verhaltensänderungen
Pentoxifyllin, 10 mg/kg 2 x tgl. p. o. für 4 Wochen – Nebenwirkungen sind Lethargie, Sedierung, Verhaltensänderungen, Hufrehe (eigene Erfahrung)

Neue Entwicklungen

Neuste Impfstoff-Technologien basieren auf virusähnlichen Nanopartikeln. Anders als bei der klassischen Desensibilisierung, die das Immunsystem tolerant gegenüber Allergenen macht, reguliert der Impfstoff gezielt eosinophile Granulozyten, die die Entzündungsreaktionen bei Insektenstich-Überempfindlichkeit verstärken. Erste Studien mit diesen Anti-IL-5-Vakzinen sind vielversprechend, der Impfstoff soll ab 2021 verfügbar sein.

Hören Sie unseren Ehrengast aus den Niederlanden: Im Januar 2019 wird Prof. Dr. Marianne Sloet van Oldruitenborgh-Oosterbaan auf dem Niedersächsischen Tierärztetag zu Hautproblemen bei Pferden sprechen. Am Donnerstag findet das Ganztagsseminar „Dermatologie beim Pferd“ statt. Des Weiteren hält die Spezialistin für innere Medizin mehrerer Vorträge zum Thema „Allergien beim Pferd“. Hier können Sie sich gleich anmelden!

Unter dem Motto „Gemeinsam in die Zukunft – heute gelernt, morgen umgesetzt“ präsentieren hochkarätige Referenten spannende Themen aus der Kleintier-, Pferde-, und Nutztiermedizin sowie dem öffentlichen Veterinärwesen ‒ für Tierärzte und Tiermedizinische Fachangestellte.

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